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Schwebe, solang du kannst 

Aktualisiert: 14. Jan.

VON LEA HENKEL //

Der Himmel zeigt sich beige und grau wie Hühnerfrikassee an diesem Novembersonntag. Mein Körper will nicht hoch und zur Kaffeemaschine bewegt werden. Wie lang kann ich einfach daliegen? Und wie lange dann nochmal, bis auch wirklich jemand kommt und nach dem Rechten sieht?  Aber fläze ich weiter nur so rum, lässt mich eine Stimme nicht in Ruhe, die »elender fauler Sack« wispert. Also dann: aufrichten. Am Küchentisch belohne ich mich mit belebendem Koffein. Draußen hinter dem Fensterglas machen zwei Tauben Sex, ihre Flügel peitschen im Geturtel energisch gegen Blatt und Ast. Ich denke an Gabriel. 


Die Überlegung, ihm ein Video davon zu schicken, verbiete ich mir. Auf keinen Fall weiter an Gabriel denken. Was für eine theatralische Stille.  Wie die Kunstpause in einem schlechten Theaterstück. Und nach der inszenierten Stille sagt dann auf der Bühne wer: »Es war die Einsamkeit, die an ihr nagte.« Und der Saal nickt dann leicht erhaben, weil das alle schon selbst gecheckt haben. Was auch immer. Scrolle ich halt bunte Social-Media-Videos gegen die dumme Stille an. Darin füllt eine makellose Blondine pinke Zwiebelstückchen in Einweckgläser. Dann ein Kerl, der im Unterhemd drei Dinge predigt, an denen man beim ersten Date den gefährlichen, vermeidenden Beziehungstyp erkennen soll. Dann Werbung für Home-SPA. Über einer stilvoll geschwungenen Badewanne tänzelt anmutig heißer Dampf. Sieht ultra schön aus. Die glänzende Frau darin schließt vor Genuss die Augen. Ich will auch so vom Wasser getragen werden. Alles Harte und Sperrige in mir würde von warmer Flüssigkeit ins Geschmeidige verwandelt. Ich verfüge über kein Wannenbad wie die Influencer-Dame und muss “Therme nähe Berlin Öffentliche Verkehrsmittel” googeln. Ich finde eine, auf deren Webseite keine Kinder zu sehen sind, und fahre los. 


In der kompletten Therme herrscht Textilverbot, aber schon nach einer knappen Stunde irritieren mich die etlichen Genitalien im Sichtfeld kaum mehr. So entspannt bin ich schon. Hier heute hinzufahren, war meine grandioseste Idee. Ein bisschen stolz drauf, dass ich selfcare kann. Das monotone Surren und Brummen der Whirlpooldrüsen lässt keinen klaren Gedanken fassen. Herrlich! Hier werde ich relaxen, bis sich die olle Haut, die Gabriel Zentimeter für Zentimeter abgeküsst hat, so weich geworden ist, dass sie pellt. Zwei Damen steigen zu mir ins mozzarellafarbene Blubberwasser. Eine von ihnen macht »Huiuhiuhi«, als sie beim Einstieg ein enorm starker Wasserstrahl um die Balance bringt. Tollpatschige Whirlpool-Astronautin, schmunzele ich und habe sie gleich etwas lieb. Vor einer der Saunahütten nimmt ein nackter Alter seinen babyblauen Frotteemantel vom Holzhaken und wickelt sich behutsam darin ein. Mit der spitzen Kapuze und seinem glühenden, roten Zinken sieht er aus wie ein Wicht aus dem Märchen. Durch eine Glastür zum Innenbereich der Therme flanieren Nackte. Wenn die Tür sich öffnet, zieht köstlicher Pommes-Geruch aus dem Thermen-Bistro nach draußen. Dieser Ort will wirklich, dass man sich entspannt. 


Dieser Ort will wirklich, dass man sich in der Falle entspannt, solange bis der Angreifer kommt. Einen vor lauter Erholung die Spielregeln der Wildnis vergessen lassen. Aber eine Hyäne, die ganz entspannt am Wasserloch rastet, wird vom Löwen gerissen. Ich bin die Hyäne. Und so kapiert mein vom monotonen Sprudel-Gedudel mega lallig gewordenes Hirn erst zu spät, dass es den Penis und die wurmförmige Narbe über der Leiste, die sich da nähern, kennt. Ich will reagieren, mich umdrehen, über den Beckenrand klettern und zu sprinten anfangen, aber faustgroße Massagesauger pressen mich an Wand und Grund. Geräusche von Drüsen ertönen wie ein Chor gehässiger Kinderstimmen. Ich bin ausgeliefert. Gabriel steigt zu mir ins Blubberbad.  


Gabriel ist mit einer Frau hier. Das kann nur seine Elise sein. Mit wem, außer mit einem Intimpartner, besucht man sonst den nacktesten Ort der Welt? Ich bete selten zu Gott, aber ich bete zu Gott, dass beide direkt wieder gehen. Vielleicht wird es ihnen hier schnell zu heiß, lieber Gott?  Sie ist seit einer Woche aus ihrem Erasmus-Jahr in Portugal zurück. Sie war viel zu kurz weg, wenn man mich fragt. Elise ist der Grund, warum Gabriel sich nicht in mich verlieben darf. Auf gar keinen Fall schaue ich hoch. Zähle tausende und abertausende kleine Bläschen im Sprudelschaum. In einer Blase stecken immer noch viele kleinere Bläschen und in allen spiegelt sich funkelnd das Licht. Eine Blase in einer Blase in einer Blase in … Plötzliche Stille. Alle Mechanik schweigen und meine Sprudelblasen verpuffen ins Nichts.


Mir ist heiß wie Lava. Im spiegelglatten Wasser wird er mich erkennen. Mich in all meiner Verlassen- und Nacktheit. Jetzt höre ich auch ihre Unterhaltung. »Triffst du Kai eigentlich noch außerhalb der Arbeit? Ihr habt doch eine Zeit lang Badminton gespielt. Macht ihr aber nicht mehr, oder?« »Nee, jetzt schon länger nicht mehr. Aber das ist eh beschissen, weil die Plätze jetzt immer super schnell ausgebucht sind. Seit die bei irgendeiner Sports-App dabei sind.« Seine Elise. So klingst du also. Bisher kenne ich ja nur jedes einzelne deiner Fotos auf Instagram. Eine richtig im Leben angekommene Stimme. Die Stimme einer Frau, die daran denkt, vor dem Einkaufen einen Jutebeutel einzustecken. Die Stimme einer Frau, die Gabriel bestimmt belabert hat, dass es normal sei, dass man sich in einer Beziehung mal näher und mal distanzierter fühlt. Dass man die Beziehung deshalb aber doch nicht gleich aufgibt, wenn man schon acht Jahre Arbeit reingesteckt hat. Dass es, wenn dieses Kribbeln, was es mal gab, weg ist, eigentlich ein gutes Zeichen sei für die Liebe. Denn fehlende Klarheit und Unsicherheit sind es doch, die das Kribbeln machen. Sie kennt dich so lang und gut. Natürlich glaubst du das. Du bist auch zu Besuch nach Portugal gefahren, wie es mit Elise, bevor du und ich passiert sind, abgesprochen war. Drei Stunden vor Abflug hast du dreimal unverbindlichen Sex mit mir gemacht. Als wir danach im Flur standen, konnt es einen nur fassungslos machen, wie du unsere einzigartige Geschichte mit vier nüchternen Sätzen abrundest. Dabei guckst du so egal wie bei einem Weihnachtsgedicht, das man jedes Jahr aufs Neue aufsagt: »Tut mir leid, dass du jetzt so sauer und enttäuscht bist. Ich finde die Situation auch gar nicht leicht, aber ehrlicherweise habe ich dir ja von vornherein gesagt, dass ich eine Freundin habe, mit der ich eigentlich auch weiter zusammenbleiben will. Und du meintest dann ja, dass das für dich passt. Ich finde aber, das waren richtig schöne Wochen.« 


Endlich fängt das Gesprudel wieder an, durch die Ventile zu pumpen. Das Chlorwasser wird aufgewirbelt wie bei einem Taifun und mein Atem findet in den Takt zurück. Aber hoch gucke ich immer noch nicht. Hast du mich jetzt eigentlich gesehen, Gabriel? Bestimmt, oder? Nur hinter zwei, drei nassen Ponysträhnen verstecke ich mich vor dir. In Hast noch unauffällig ins Gesicht gekämmt so gut es ging. Ich muss aussehen wie das Horror-Mädchen von The Ring, aber alles besser als gar keine Deckung.  Schweigt ihr euch etwa an? Es blubbert zu laut, als dass ich jedes Wort verstehen könnte, aber nicht mal Gemurmel dringt aus eurer Richtung.


Lachgeräusche kann ich auch sicher ausschließen. Dabei wirst du gern zum Lachen gebracht. Mir hast du mal durchs Haar gewuschelt, als wir nach dem Konzert am See lagen und prustend gesagt: »Ich kenne keine, die so schön rumblödelt wie du.« Vom Ufer aus beobachteten wir Schwäne und ich übersetzte ihre gurgelnden Laute in das Gespräch zweier Börsenbroker auf dem Weg in die Mittagspause. Quatsch, den man macht, um beklemmende Stille zu vermeiden. Noch nie wurde ich so verliebt angeguckt in meinem Leben wie von dir in diesem Moment.  Vielleicht aber auch schon das eine Mal vor dem Kino, als du bei der Begrüßungsumarmung neugierig mit deiner großen Nase um meinen Atem herumgeschnüffelt hast wie so ein Trüffeldackel und dann »Chilli Ramen«! geraten hast. Das war so ein Insider. Du hast mich verliebt gemacht und dafür hast du jetzt ein so schlechtes Gewissen, dass du  nicht mal auf eine simple Nachricht antworten kannst. Man konnte sich nur in dich verlieben. Und du hast das überhaupt nicht verhindert. 


Zwischen meinen Haaren hindurch erahne ich, dass deine Knie aus dem Whirlpool auftauchen. Elise nuschelt etwas von schnell Duschen, Chip abgeben, Care2Go. Das Chlorwasser macht platsch, platsch, platsch. Ich blinzele. Ihr kehrt mir den Rücken zu und steuert die Säule mit den  Handtuchhaltern an. Es ist ein gefährliches Unterfangen, aber Hyänen  sind dann doch mutige Tiere: Ich muss mich ein bisschen auffälliger rübergucken, um zu erfahren, ob Elise oder ich den schöneren Po hat. 


Wenige Minuten später floate ich allein in einem Außenbecken mit 30%  tragendem Salz. Mein schwebender Körper zeichnet sein ganz eigenes Panorama – mit zwei spitzen Brüste-Gipfeln, Bauch-Hügel, Knie-Bergen und Zehen-Felsen. Warum sagt man immer: schöne, unberührte  

Landschaft? Mit der Berührung kommt doch erst die Geschichte. Ein blinkendes Fluglicht bricht durch den grauen Herbsthimmel. Ihr schwebt da oben an der Grenze zur Stratosphäre, ich hier unten im Toten Meer Verschnitt. Ich mache Bewegungen wie beim Schneeengel, um ein bisschen in eure Richtung mitzufliegen. Wie lang kann ich hier sein? Und  wie lange dann nochmal, bis auch wirklich jemand kommt und mich rausschmeißt? Irgendwann wird mich der Regionalzug abholen und zurück in die Stadt spucken. Und alles, was jetzt weich ist, wird verhärten wie gebrannter Ton. Aber bis dahin: floaten, floaten, floaten.  


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